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Fotopraxis Videos drehen mit SLR-Kamera - Tipps für die Praxis

Lust oder Frust? Die Videofunktionen von Digitalkameras sind bei Weitem nicht perfekt, die Automatiken schon gar nicht. Dennoch ist die Bildqualität atemberaubend, wenn die großen Bildsensoren richtig genutzt werden.
© Medienbureau

Auch ohne Zubehör gelingen packende Szenen, denn das Wichtigste ist noch immer das Motiv. Die erste Überlegung gilt deshalb immer dem Hauptmotiv und seiner Sprech-, Handlungs- und Bewegungsrichtung. Der Platz für die Aufnahme ist immer der, an dem beides gut aufzunehmen ist. Dann stellen Sie sich auf, halten die Kamera ganz fest – und zwar so, dass noch am Schärfering gedreht werden kann – und drücken den Auslöser sanft durch.

50 Bilder pro Sekunde sind notwendig, damit ein High-Definition-Fernseher (HDTV) eine Bewegung flüssig darstellt. Die hochauflösenden Bilder sind so scharf, dass selbst kleine Unregelmäßigkeiten beim Nachführen der Kamera während der Aufnahme auffallen. Stürzende Linien sind später kaum mehr korrigierbar, eine Wasserwaage (Libelle) daher Pflicht. Amateurhaft wirken ruckelnde Schwenks oder Zooms sowie unkontrolliert einfallendes Gegenlicht. Beim Nachführen der Belichtung gilt es, sichtbare Helligkeitssprünge von Automatikfunktionen zu vermeiden.

Zwar ist Videofilmern der Ton häufig sehr wichtig, trotzdem lassen sie das menschliche Vermögen zum selektiven Hören allzu häufig außer Acht. Nur in extrem ruhiger Umgebung ist aber beim Filmen Sprachverständlichkeit gewährleistet. Wer während der Aufnahme Hintergrundgeräusche unbewusst ausblendet, wird vom Ergebnis der Aufzeichnung meist enttäuscht sein.

Bei der Arbeit mit einem eingebauten Mikrofon darf man bei vielen Modellen weder den Bildstabilisator noch den Autofokus aktivieren, um Störgeräusche zu vermeiden. Sogar auf das Umgreifen an der Kamera sollte man verzichten, da dabei Geräusche übertragen werden. Da jedoch keine Szene länger als 10–20 Sekunden sein muss, gibt es zwischen den Aufnahmen genug Zeit zum Entspannen.

Der Aufbau einer Filmsequenz
Zunächst entsteht die Übersichtsaufnahme, eher aus der Distanz. Der nächste Schuss zeigt detailliert, was vor sich geht. Bei aktiven Personen im Bild muss eine eigene Aufnahme folgen, welche die Aktivität näher beschreibt. Noch eine Regel: Blickt je mand während der Szene in eine bestimmte Richtung außerhalb des Bildfelds, sollte ein weiterer Schuss zeigen, was es dort zu sehen gibt. Ein Filmthema besteht also immer aus einer kleinen Reihe von Aufnahmen, die  möglichst kurz sein sollen – einer Sequenz. Innerhalb dieser sollten Szenen immer aus der gleichen Richtung aufgenommen werden, da sich sonst die Handlungsrichtung umkehrt. Wer also einen Faschingszug filmt, über die Straße geht und weiterfilmt, stellt später erstaunt fest, dass sich im direkten Anschluss beider Szenen die Narren plötzlich entgegenkommen.

Es gibt in jedem Motiv eine Handlungsrichtung. Deren Achse sollte der Filmer nur bei
laufender Kamera überspringen, da dem Zuschauer andernfalls die Orientierung
verloren geht – zumindest, solange die Szenen in einem Kontext stehen.


Der zweite Gedanke vor der Aufnahme gilt dem Weißabgleich. Da sich die Kameraautomatik leicht täuschen lässt oder während der Aufnahme selbst nachregelt, ist ein manueller Weißabgleich empfehlenswert. Alternativ bieten sich für Außendrehs und Innenräume
die Presets „Sonne“ und „Glühbirne“ an. Innerhalb einer Sequenz zusammenhängender Szenen sollte diese Einstellung nicht verändert werden.

Auch auf sich selbst sollte der Filmer schon vor der Aufnahme achten: Wird er in der Szene einen Eigenschatten produzieren oder sich plötzlich spiegeln? Auch sollte er Kommandos schon vor dem Auslösen geben, damit er bei der Nachbearbeitung auf den aufwendigen Tonschnitt verzichten kann.

Beispiele und Anregungen


Beispiele für Videos mit durchdachter Gestaltung sind auf der Videoplattform „Vimeo“ zu finden. Sie gilt als Hochqualitäts-Videofilmerplattform. Die Videos laufen dort mit voller HD-Auflösung und weniger Kompressionsartefakten als bei Youtube. Dass also Internetvideo nur aus kleinen Flimmerfensterchen bestünde, ist eine überkommene Mär. Auf  Vimeo gibt es zahlreiche hervorragende Belege für Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe und bei wenig Licht. Denn die großen Sensoren ermöglichen
Videoaufnahmen mit wenig Rauschen vor allem bei Nacht. Voraussetzung sind natürlich lichtstarke Objektive. Dabei ist das Medium Video gegen Rauschen ohnehin kaum anfällig; selbst Aufnahmen mit ISO 3200 bis 6400 sind durchaus noch ansehnlich. Video-
Camcorder arbeiten häufig mit noch höherer Signalverstärkung, da sie mit kleineren Sensoren und wesentlich kleineren Pixelmaßen auskommen müssen.

Schärfeverlagerung in der Natur

Auf dem hochauflösenden Fernseher oder am Bildschirm eines Tablet-Rechners à la iPad erstrahlen Digitalfotos so brillant wie seinerzeit Dias. Wer stattdessen Videos ablaufen lässt, stellt erstaunt fest, dass diese den Standbildern an Schärfe und Farbkraft in nichts nachstehen. Im Gegenteil: Manches Stillleben gewinnt durch wogenden Wind oder fallende Tropfen sogar noch an Faszination – durch den Reiz der Bewegung.

Bild 1 zeigt zunächst den jungen Mann beim Lösen der Bootsvertäuung.


Dieses Stilmittel, mit dem Fotografen ohnehin gerne spielen, kann im Video noch pointierter zur Aufmerksamkeitssteuerung eingesetzt werden: die Schärfeverlagerung. Während der Aufnahme wandert die Schärfe von einem Objekt zum anderen, eben noch Scharfes verschwimmt. Eine Verlagerung von Gebirgszinnen auf einen Enzian im Vordergrund wäre solch eine Verlagerung. Ein anderes Beispiel zeigt die abgebildete Sequenz mit dem jungen Mann und dem Boot. Bei derartigen Schärfespielereien ist bei Tag dringend ein Graufilter notwendig. Alternativ kann man die Belichtungszeit verkürzen. Letzteres ist aber eine Notmaßnahme, da Schwenks oder Bewegungen bei kurzen Zeiten stroboskopartig zerhackt erscheinen. Erst die Lichtreduktion macht es möglich, die erwünschte geringe Schärfetiefe (selektive Schärfe) zu erzielen.

Schärfentiefe und Fokussierung


Die Schärfentiefe ist durch das Verhältnis von Blende zu Sensorgröße bestimmt. So braucht eine Four-Thirds-Kamera gegenüber Kameras mit APS-C-Sensoren eine um eine Drittelstufe offenere Blende, um die gleiche geringe Schärfentiefe zu erreichen. Eine Optik mit Blende 2,8 produziert also an einer Four-Thirds-Kamera bereits mehr Schärfentiefe als eine mit Blende 3,5 an einer APS-C-Kamera. Bei 2/3-Zoll-Sensoren in Bridge-Kameras liegt die Schärfentiefe-Differenz bereits um 11/3 Blenden niedriger als bei APS-C-Kameras.

Daraus folgt: Lichtstarke Optiken sind erste Wahl beim Filmen mit geringer Schärfentiefe. Geringe Schärfentiefe macht jedoch beim Fokussieren Probleme. Bei der Kontrolle hilft eine Lupenfunktion, die sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Wiedergabe funktioniert. Da
sie bei der Aufnahme irritiert, sollte man sie erst kurz vor dem Auslösen aktivieren.
Auch der schnellste Autofokus ist in Digitalkameras derzeit noch nicht voll videotauglich. Ohne Extra-Monitor bleibt also nur die Möglichkeit, statt dauernder Schärfenachführung einen Modus einzustellen, der bei Berührung des Auslösers nachstellt. Auf diese Weise kann der Filmer jederzeit eingreifen, sobald sich das Hauptobjektiv aus der Schärfeebene bewegt hat – gezielt durch Antippen des Auslösers. Selbstverständlich sollten alle diese Korrekturen bei der Nachbearbeitung aus dem Film geschnitten werden. Deshalb muss vor jeder solchen Korrektur der Bildausschnitt stark verändert werden, sonst entstehen beim Ansehen verwirrende Sprünge.

Wer die einzelnen Szenen vor der Bearbeitung anschauen möchte, kann die Dateien auf dem Rechner einfach in einen Videoplayer ziehen. Universelle Player wie VLC haben einen Modus, in dem sie alle Szenen ohne Unterbrechung hintereinander abspielen. Die Zeiten der Verwirrung um Datenformate sind vorbei, in der Regel sind die Formate mittlerweile in aktuelle Abspielsoftware integriert. Wer AVCHD-Dateien schneiden möchte, sollte einen leistungsfähigen Rechner mit vier Prozessorkernen besitzen.

Tipps für Interview & Präsentation

Nicht zuletzt durch das Internet gewinnen Interviewsituationen oder Produktpräsentationen auch für Amateure an Bedeutung. Ein paar Kniffe führen zu schönen Ergebnissen: Im für HD-Videos typischen16:9-Format nimmt der Präsentator nur einen Teil des Bildes ein, der Rest ist anders zu füllen (Bild 1). Der Akteur sollte Kopf und Körper in Richtung des leeren Bildbereichs drehen. Er braucht zwar nicht viel Kopffreiheit, aber angeschnitten wie in Bild 2 sollte er keinesfalls sein. In dieser Aufnahme ist auch das Ansteckmikrofon schlecht am Kragen versteckt. Diese Minimikros liefern klaren Klang direkt vor dem Mund, bei Funkmikrofonen kann der Filmer sogar auf mühsames Kabellegen verzichten. Bei Straßeninterviews bleibt freilich zum Verkabeln solcher Anstecker keine Zeit.


Ein weiterer Schwachpunkt in Bild 2 ist der ungleichmäßig ausgeleuchtete Hintergrund. Diese Schatten sind spätestens dann fatal, wenn der einfarbige Vorhang später aus dem Bild gestanzt wird, ähnlich einer Photoshop-Maskierung. Die besseren Schnittprogramme können diesen Key-Effekt mit nur wenigen Klicks realisieren (Bild 3). Damit lässt sich ein langweiliger Studiohintergrund durch etwas Spannenderes oder Markenspezifisches ersetzen. Die Schattenbildungen verhindern jedoch einen sauberen Key. 

Um die Präsentation besser zu verstehen, sind Detaileinblendungen hilfreich. Entweder springt man dazu näher an das Objekt heran und dreht einfach weiter, oder man zeigt Details in Form von Bild-im-Bild-Einblendungen. Diese Methode hat gleich zwei Vorteile: Erstens füllt sie den leeren Bildbereich, und zweitens ermöglicht sie zeitsparende Präsentationen, indem sie Zusatzinformationen liefert. Die Zusatzbilder erscheinen, wenn im Schnittprogramm eine weitere Videospur geöffnet wird – das ist auch mit günstigen Produkten möglich (Bild 4).

Bei Interviews eignet sich als Hintergrund ein Logo. Ein Logo sollte bei Filmen fürs Internet ohnehin ständig mit aufgezeichnet werden, damit die Quelle des Materials nachprüfbar ist, wenn die Szenen später in anderen Webauftritten auftauchen. Wird eine Aufnahme während Interviews oder Präsentationen unterbrochen, kann man sie nicht mit der gleichen Kameraeinstellung fortsetzen. Stattdessen sollte der Filmer zu Beginn der nächsten Szene die Perspektive deutlich verändern, damit keine Sprünge entstehen, weil sich der Moderator während der Pause bewegt hat.

 
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